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Klettersteig am Hausbach Wasserfall

Datum: 30.03.2021
Von: Norbert Eisele-Hein

Der Klettersteig in Reit im Winkl war der erste Klettersteig im Chiemgau, der erste TÜV-geprüfte in Deutschland. Er bildet eine kongeniale, logische Ergänzung für das ortsnahe Eck am Hausbach-Wasserfall. Schon vor 100 Jahren gab es dort einen steilen Wanderweg, links vom Wasserfall. Von diesem Weg hat man einen prächtigen Blick auf den Klettersteig und alle, die am Stahlseil die steilen Wände empor zu tanzen scheinen.

Reit im Winkl ist bei Wintersportlern bekannt als amtlich verbrieftes Schneeloch. Im Sommer locken Premiumwanderwege auf die Panoramarouten der umliegenden Chiemgauer Alpen. Mit dem Hausbachfall-Klettersteig ist Reit im Winkl nun auch eine feine Adresse für Klettersteig-GeherInnen.

Inhalt unseres Artikels

Hoppala, schon der Einstieg fordert ein beherztes Hinlangen. Steil führt das Stahlseil den bauchigen Fels hinauf. Die Tritte müssen sorgsam gewählt werden. Eine exponierte, fast überhängende Leiter hilft die Steilstufe gleich neben einer Höhle zu überwinden.

Der Hausbachfall-Klettersteig ziert sich nicht. Sagt sofort an, was Sache ist. Bizeps und Waden werden gleich aktiviert. Substanz und Trittsicherheit abgerufen. Und das ist auch gut so. Eine Route, die harmlos beginnt und erst dann richtig fordernd wird, wenn Kondition und Kraft schon angeknackst sind, könnte vor allem für Anfänger zur Selbstüberschätzung verleiten.

Der erste Klettersteig Deutschlands mit Prüfsiegel

Der neue Klettersteig am Ortsrand von Reit im Winkl wurde bereits 2012 vom TÜV Süd zertifiziert. Er ist der erste Klettersteig Deutschlands mit Prüfsiegel.

Der Klettersteig spielt von Beginn an mit offenen Karten. Eine Stunde Durchstiegszeit, 170 Höhenmeter, Schwierigkeit C, eine perfekte Routenskizze – die Übersichtstafel kurz vor dem Einstieg liefert alle wichtigen Zahlen.

Diese nackten Fakten werden durch eine wundervoll luftige Route veredelt. Sie führt direkt auf einem wuchtigen Felswall durch eine zauberhafte Wasserfallschlucht. Dabei wird die Felsstruktur kongenial berücksichtigt. Ein wahres Klettersteig-Schmankerl.

 

© Norbert Eisele Hein

Fakt ist – immer mehr finden Klettersteige richtig stark.

Mit dem Hausbachfall-Klettersteig hat Reit im Winkl ein Glanzlicht im Programm. Und das zur rechten Zeit. Denn Klettersteigen boomt. Immer mehr bis dato „Nur-Wanderer“ zieht es an den Fels. Wer bereits eine ordentliche Wanderausrüstung besitzt, benötigt lediglich noch einen Sitzgurt, das Klettersteig-Set mit den beiden Karabinerarmen, Handschuh und Helm – schon kann es losgehen.

Die Kosten für den Neueinstieg sind überschaubar. Zum Antesten kann die Ausrüstung im Rahmen einer geführten Tour ausgeliehen werden. Dank Seilen, Leitern, Bügeln, Tritten, Klemmen aus hartem Stahl werden steilste Wände machbar. Lässt sich ein Territorium meistern, das sonst nur gut trainierten, technisch versierten und ordentlich ausgerüsteten Kletterern vorbehalten war.

Klettersteige bringen das luftige Erlebnis steiler Felswände in die Reichweite einer viel größeren Zielgruppe – Schwindelfreiheit und adäquate Fitness vorausgesetzt. Klettersteige lassen Adrenalin und Glückshormone jubilieren. Und das bei überschaubarem Risiko.

Stahlseile, Seilbrücken, schwebende Balken – der Hausbachfall-Klettersteig sorgt für einen veritablen Adrenalin-Kick.

Doch zurück zum Hausbachfall-Klettersteig. Drei in der Wand hängende, schmale Holzbalken entlasten die Muckis, fordern dafür das Gleichgewicht. Der Talblick in die ausgewaschenen Rinnen des Wasserfalls sorgt für leicht gekräuselte Nackenhaare. Stahlseile führen direkt in das satte Blau des Himmels. Eine Seilbrücke über einen Zufluss des Hausbachs fordert einen wackeligen Balanceakt.

 

Es folgt ein langer, herrlich exponierter Quergang direkt über dem Wasserfall. Der Hausbachfall-Klettersteig zieht sämtliche Register. Die beiden Karabiner des Klettersteig-Sets gleiten metallisch raschelnd am Stahlseil entlang, verleihen stets Zuversicht. Weitere Teilstücke über Nebenarme des Hausbachs sorgen für Tiefblicke mit Adrenalinkick. Ein langer exponierter Quergang erzeugt einen meditativen Flow. Konzentriert die Karabiner ein- und ausklinken, voranschreiten.

 

Noch einmal über eine schwankende Seilbrücke tänzeln. Über einen schmalen Baum balancieren. Geschafft. Durchatmen. Der Blick zurück in die Schlucht präsentiert eine romantisch-kitschige Postkarte. Vor den Gipfeln der versammelten Chiemgauer Alpen ragt der mustergültige Kirchturm Reit im Winkls in den stahlblauen Himmel. Wow- wir klatschen kurz ab. Nicken nur stumm. Packen die Brotzeit aus. Schon spüren wir, wie unsere Glückshormone um die Wette schuhplatteln.

Mit der richtigen Ausrüstung in den Klettersteig
© Norbert Eisele Hein

Ausrüstung für den Klettersteig

Bei Klettersteig-Kursen kann man sich die Ausrüstung ausleihen. Wer häufiger Klettersteig Touren unternimmt, sollte in eigene, gute Ausrüstung investieren.

Klettersteigset: Die neuen Klettersteigsets mit Bandfalldämpfer sind einfach in der Handhabung. Im schlimmsten Fall wird der Sturz gebremst und gestoppt. Die Karabiner haben eine weite Öffnung für leichteres Aus- und Einklinken und eine Verriegelungsautomatik. Zahlreiche ältere Sets wurden schon wegen Sicherheitsmängeln aus dem Verkehr gezogen, deshalb im Fachhandel genau informieren.

Hüftgurt: Ein Hüftgurt reicht normal aus. Wichtig sind die verstellbaren Beinschlaufen und dass der Gurt bequem sitzt. Kinder sollten zusätzlich noch einen Brustgurt anlegen.

Helm: Schützt bei Sturz und vor allem auch bei Steinschlag (Selbstauslösung, voransteigende Klettersteiger, Tiere). Kaufkriterien sollten das Gewicht, die Belüftung und die Passgenauigkeit sein. Helme von Opa und Oma besser aussortieren – das Material wird über die Jahre spröde.

Handschuhe: Vor allem bei älteren Klettersteigen bieten sie Schutz vor aufspleißenden Seilenden, scharfen Kanten. Sie erhöhen den Grip beim Klettern und schützen die Hand bei längeren Touren vor schmerzhaften Blasen.

Schuhe: Für den Steig reichen an sich meist leichtere Bergstiefel mit fester Sohle. Zu starre Bergschuhe malträtieren die Knöchel beim Stehen im steilem Fels. Allerdings muss auch der Zu- und Abstieg zur Wand miteinkalkuliert werden. Ein längerer Abstieg über Geröll oder Schrofen erfordert wiederum gut geschützte Knöchel.

Goldene Regeln beim Begehen eines Klettersteigs

  • Klettersteigset in Y-Form und automatisch verriegelnde Karabiner mit Ankerstich in der Einbindeschlaufe des Hüftgurts befestigen. Hüftgurt ordentlich verriegeln und Beinschlaufen leicht anzurren.
  • Klettersteigpartner:innen überprüfen gegenseitig den korrekten Sitz ihrer Ausrüstung.
  • Es werden immer beide Karabiner eingehängt. Und beim Umhängen wird immer nur ein Karabiner umgehängt. Niemals beide Karabiner gleichzeitig aushängen. Auch wenn das Gelände oder der Steig gerade einfach erscheint. Bei Steinschlag oder einer Unachtsamkeit, z.B. bei Gedränge im Steig, ist der eine Karabiner die Lebensversicherung.
  • Klettersteige sind kein Turnreck. Steigen Sie bewusst mit Ihrer Beinkraft nach oben. Felgaufschwünge mit den Oberarmen kosten auf Dauer zu viel Kraft.
  • Wählen Sie Ihre Route nach Ihren Möglichkeiten. Karten- und Führermaterial, sowie Infos vor Ort geben meist detailliert Auskunft, welche Schwierigkeiten und Durchstiegszeiten zu erwarten sind.
  • Machen Sie ausreichend Pausen und trinken Sie genug.
  • Achtung: Steigen Sie nur bei sicherer Wetterlage ein. Regen erhöht die Schwierigkeit eines Klettersteigs enorm, bei Gewittern herrscht im Nu Lebensgefahr in den Eisenwegen.

Noch mehr erfahren

Interview mit einem Klettersteig-Experten

Interview mit Dipl. Ing. (FH) Volker Kron, vom TÜV-SÜD Sportabteilung, der den Hausbachfallsteig 2012 geprüft und abgenommen hat:

 

NEH: Herr Kron, Sie haben die Abnahme des Hausbachfall-Steigs in Reit im Winkl betreut. Wie lange dauert denn so eine Abnahme?

Bei dieser Vor-Ort-Abnahme werden die Konstruktionsdokumente gecheckt, sowie der Klettersteig begangen. Auf dieser Basis erstellen wir einen Prüfbericht und ggf. eine Abnahmeurkunde. Dies dauert ca. 1 Tag.

 

NEH: Was kommt dabei alles auf den Prüfstand? Gibt es Belastungstests und technische Vorschriften…

Hier erarbeiten wir gerade mit anderen Verbänden und den Alpenvereinen eine Norm als Grundlage (der Normenausschuss heißt CEN TC 136 WG5 PG1). Und natürlich gibt es dazu bereits eine Menge an Vorgaben. So muss der Durchmesser für Sicherungsseile, die auch zur Fortbewegung eingesetzt sind, zwischen 12 und 16 mm betragen. Der vertikale Abstand zwischen 2 Ankerpunkten der Sicherungsseilbefestigung darf max. 3 Meter betragen. Der erste Ankerpunkt nach dem Einstieg muss in einer Höhe zwischen 4,5 m und 5 m angebracht sein. Die Liste ist lang… und selbstverständlich muss alles sicher angebracht und verarbeitet sein.

 

NEH: Steigen die Anfragen nach einer Expertise des TÜV’s, seit der Abnahme des Hausbachfall-Steigs?

Ja, in der Tat. Wie ich gehört habe, kommt der Hausbachfallsteig sehr gut an und auch bei uns steigt die Nachfrage, weil es sich wohl auch touristisch sehr gut vermarkten lässt.

 

NEH: Wie lange hat Ihre Begehung des Hausbachfall-Steigs gedauert oder wie oft sind sie ihn gegangen?

Es war eine einmalige Begehung, die ca. 4 h gedauert hat, wir prüfen vorab ja auch die Konstruktionsdokumente eingehend.

 

NEH: Was hat Ihnen besonders daran gefallen?

Solide Anschlagpunkte, fachmännische Ausfertigung, geringer ökologischer Eingriff, landschaftlich spektakulär durch den schönen Wasserfall, ein toller Baum zum Abschluss – ein wunderbarer Klettersteig.

 

NEH: Wie sehen Sie die Entwicklung der Klettersteige im gesamten Alpenraum?

Viele Klettersteige werden leider immer schwieriger und dadurch steigt auch das Sturzrisiko. Stürzen war früher auch im Klettersteig tabu, aber heute wird da teilweise anders rangegangen. Dies macht es auch erforderlich, dass die Anlage 100% verlässlich ist.

 

NEH: Herzlichen Dank für das Interview.

Ortseingang Reit im Winkl
© Kern

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Über den Autor Norbert Eisele-Hein

Norbert Eisele-Hein ist Journalist und Fotograf. Er hat schon viele Ecken von Reit im Winkl fotografiert: im Klettersteig, beim Schneeschuhwandern bis in die Abendstunden und früh im Langlauflaufstadion, wenn zwar klirrende Kälte herrscht, aber auch das beste Licht zum Fotografieren.