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Gedenkstein Dr. h.c. Eduard Hamm

Rede zur Einweihung des Gedenksteines Dr. Hamm
23. September 2011

 


Sehr geehrte Ehrengäste,
sehr geehrte Damen und Herren,

im Namen der Gemeinde Reit im Winkl ist es mir als 1. Bürgermeister eine große Ehre sie Alle zur heutigen Enthüllung des Gedenksteines, in Erinnerung an Dr. Eduard Hamm an diesem wunderschönen Ort begrüßen zu dürfen.
Ich bin mir bewusst, dass dies nicht der protokollarischen Reihenfolge entspricht, nichts desto trotz, gilt mein erster Gruß Ihnen Frau Fridel Krug.
Als Tochter von Dr. Eduard Hamm und als Zeitzeugin der
damaligen Geschehnisse ist es uns eine besondere Ehre und Freude, dass Sie dieser Veranstaltung beiwohnen. Sie haben mir diese Woche persönlich geschrieben, dass Sie Reit im Winkl als ihre Heimat betrachten und unserer Gemeinde seit 1932, als die Eltern den Boarhof kauften, eng verbunden sind.
Wir wissen dies sehr zu schätzen, und bewundern es, dass Sie sich mit 97 Jahren noch mal auf den Weg nach Reit im Winkl gemacht haben um der Enthüllung des Gedenksteines beizuwohnen.
Eine besondere Freude ist mir, dass ich Frau Staatssekretärin Katja
Hessel aus dem bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft,
Infrastruktur, Verkehr und Technologie hier an der Grenze zwischen
Bayern und Tirol begrüßen darf. Ich bin mir sicher, dass Sie noch die besten Erinnerungen an ihre grenzüberschreitende Hochzeit im letzten Jahr haben und dass sie gerne unserer Einladung gefolgt sind.
Dr. Hamm stand dem bayerischen Wirtschaftsministerium in einer
schwierigen Zeit von 1919 bis 1922 als Minister vor und Sie werden uns dies in Ihrer Ansprache näher bringen.
Ich darf sehr herzlich den Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrieund Handelskammertages, Herrn Dr. Martin Wansleben hier in Reit im Winkl begrüßen. Einer seiner Vorgänger in diesem Amt war Dr. Eduard Hamm und sie werden uns in ihrer Rede die wichtige Rolle Dr. Hamms in der Zeit von 1925 bis 1933 ausführen. Seien Sie uns herzlich willkommen und verzeihen Sie mir, dass ich die beiden Damen in der Begrüßung vorgezogen habe.
Ich darf die örtliche Geistlichkeit mit Pfarrer Spiolek von der katholischen Pfarrkirche St. Pankratius herzlich willkommen heißen.
Besonders freut mich die Anwesenheit von Abt Theodor, aus dem
Benediktinerstift St. Stephan in Augsburg, der mit seinen Schülern nicht nur die musikalische Umrahmung dieses Festaktes organisiert hat, sondern der uns auch den Einfluss des ehemaligen Schülers Eduard Hamm bis in die heutige Zeit aufzeigen wird.
Einen herzlichen Gruß richte ich an Herrn Manuel Limbach ohne dessen umfangreiche Diplomarbeit mit dem Titel:
Eduard Hamm ein liberaler Repräsentant der Weimarer Republik im
Widerstand gegen den Nationalsozialismus
vieles im verborgenen geblieben wäre.
Herr Limbach wird sich in seiner Rede auf die Zeit des
Nationalsozialismus konzentrieren und erläutert uns den gelebten
Widerstand von Dr. Eduard Hamm in dieser schweren Zeit.
Eine große Freude ist es für mich, dass die Nachkommen von Dr. Eduard Hamm so zahlreich dieser Enthüllung des Gedenksteines beiwohnen.
Dies zeigt der Gemeinde Reit im Winkl, dass die Anerkennung des
Lebenswerkes auch in der Familie höchste Priorität hat. Sie Alle begrüße ich herzlich hier in Reit im Winkl.
Im Anschluss an die Reden werden Mitglieder der Familie die
Gedenkfeier mit Grußworten abrunden.
Großen Anteil an der Realisierung des Gedenksteines haben Frau
Beßner-Hartdwig, die Enkeltochter Dr. Eduard Hamms und Herr Beßner aus Hamburg. Die Initiative für das Anbringen einer sichtbaren Erinnerung, die Auswahl des Standortes und der größte Teil des Inhaltes der Gedenktafel gehen auf einen ausführlichen Briefwechsel mit Familie Beßner zurück und so ist es für mich ein Wermutstropfen, dass beide heute nicht kommen konnten.
Ich freue mich sehr, dass unser Altlandrat und langjähriger Bürgermeister der Gemeinde Reit im Winkl Jakob Strobl unserer Einladung gefolgt ist.
Die Anwesenheit meines Bürgermeisterkollegen Rudi Jantke aus
Grassau und der zahlreichen Gemeinderäte unterstreicht auch die
regionale Bedeutung von Dr. Eduard Hamm in der touristischen
Entwicklung des Chiemgaus. Seien Sie uns alle willkommen.
Ich begrüße auch sehr die Vertreter der Bayerischen
Staatsforstverwaltung Herrn Wieser und Herrn Siegler. Ich darf mich besonders bei Herrn Siegler und beim Vorstand der Almgenossenschaft Winklmoos Herrn Josef Speicher für die unkomplizierte Zusammenarbeit beim Transport des Steines bedanken. Der Stein wurde kostenlos von
den Bayerischen Staatsforsten Forstbetrieb Ruhpolding zur Verfügung gestellt.
Ich freue mich sehr über die Anwesenheit der Familie Seibold aus
Grassau. Die Großeltern haben noch zusammen mit der Familie Hamm musiziert und Herr Seibold konnte nun die Steinmetzarbeiten am Gedenkstein mit hoher handwerklicher Qualität, aber auch mit dem Gespür für das Material umsetzen.
Viele werden sich die Frage stellen warum es solange gedauert hat bis hier in Reit im Winkl, am Wohnsitz von Dr. Eduard Hamm, ein sichtbares Zeichen der Anerkennung seines Lebenswerkes und der Anteilnahme an seinem Schicksal gesetzt wird.
Ich kann auch nur vermuten, dass man in der Nachkriegszeit und dann im wieder aufblühenden Tourismus und den damit einhergehenden Bauboom, andere Gedanken hatte. Erst der Initiative unseres örtlichen Presseberichterstatters Herrn Ostermaier, den ich heute auch sehr herzlich begrüße, ist es zu verdanken, dass uns Einheimischen das Leben und das Schicksal Dr. Hamms näher gebracht wurde.
Mit seinem Artikel: “Dr. Eduard Hamm – Das Gewissen entscheidet – 65 Jahre nach dem Stauffenberg-Attentat“ der in der lokalen Presse erschienen ist, hat er sehr viele Reit im Winkler tief berührt.
In meinen Ausführungen möchte ich mich ausschließlich auf das Wirken Dr. Eduard Hamms in Reit im Winkl beschränken. Als Dr. Hamm 1932 den Boarhof erwarb und Bürger der Gemeinde wurde, war dies für ihn am Anfang mehr ein Freizeitwohnsitz, da er durch seine berufliche Tätigkeit in mehreren leitenden Funktionen stark beansprucht war.
Dies änderte sich aber bald nach der Machtergreifung der
Nationalsozialisten und dem Verlust seiner Ämter. Von den Zeitzeugen wird er als sympathisch und leutselig beschrieben, einer, der sich mit der ihm eigenen Gründlichkeit, sofort für alle landwirtschaftlichen Fragen interessierte und die Bauern mit Rat und Tat unterstützte.
Für Reit im Winkl hatte Dr. Hamm besonders auch in touristischer Sicht eine große Bedeutung. Er hatte neben der Leitung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages auch die Präsidentschaft des Bundes der Deutschen Verkehrsverbände zu bewältigen. Dies war eine Vereinigung von Tourismus-, Automobil- und Eisenbahnverbänden und die Ziele lagen in der Verbesserung der Mobilität und der Förderung des
Fremdenverkehrs im Deutschen Reich.
In dieser Funktion organisierte Dr. Hamm im Januar 1933 die große
Deutsche Verkehrstagung in Reit im Winkl und er sprach zu dem Thema „Fremdenverkehrsförderung als Dienst an Land und Heimat“. Seine Ausführungen zur zukünftigen Bedeutung des Tourismus, gerade im wirtschaftlich schwachen, landwirtschaftlich geprägten Alpenvorland, haben auch heute nichts an Bedeutung und Richtigkeit verloren.
Für Reit im Winkl von herausragender Bedeutung aber war, dass auf dieser Tagung auch die Wegführung der noch in der Planung
befindlichen Deutschen Alpenstraße, vom Achental über Reit im Winkl nach Ruhpolding festgelegt wurde und nicht die Alternative ohne Reit im Winkl zur Realisierung kam. Diese Entscheidung wäre ohne die Einflussnahme von Dr. Eduard Hamm wahrscheinlich anders ausgefallen.
Sein im April 1933 entworfenes Leitbild für den Tourismus im Deutschen Reich, hatte auch über den 2. Weltkrieg hinaus große Bedeutung. Manche Aussagen könnten noch heute unverändert übernommen werden.
Als er sich Mitte 1933 nach dem Verlust der Ämter in seinen Boarhof zurückzog, konnte er auch für seinen Ortsteil in Oberbichl sein politisches Geschick einsetzen. Zum einen sorgte er für den Aufbau einer zentralen Wasserversorgung und organisierte in der schwierigen Kriegszeit, die dazu notwendigen Eisenrohre.
Auch den neuen Gesetzen der Nationalsozialisten bot er die Stirn. Als im so genannten Göringerlass, das Ortschaftsvermögen, das aus Wald- und landwirtschaftlichen Freiweiden bestand, in den Besitz der politischen Gemeinde übergehen sollte, wehrte er sich mit Erfolg. Während alle Ortsteile in Reit im Winkl ihr Ortschaftsvermögen an die Gemeinde übertragen mussten, behielt die Freiweidegemeinschaft Oberbichl-Birnbach ihren Besitz bis heute.
Es wird behauptet, dass Dr. Hamm die Verantwortlichen überzeugte, dass der Ortsteil mit seinen nicht mal 10 Bauernhöfen eine politische Gemeinde sei und deshalb der Göringerlass hier nicht greife. Dieser Erfolg wurde sicher ausführlich mit den Nachbarn gefeiert.
Dr. Eduard Hamm liebte die Bergtouren im Wilden Kaiser, auf den sie ja so prächtig blicken können, und in die Almgebiete um Reit im Winkl.
Nach einer dieser Wanderungen auf die Sauermöseralm, warteten
bereits die Herren der Gestapo mit ihren schwarzen Ledermänteln und verhafteten ihn.
Bereits drei Wochen später, am 23. September 1944, heute vor 67
Jahren war er nicht mehr am Leben.
Man kann nur spekulieren, welche Rolle Dr. Eduard Hamm im
Nachkriegsdeutschland gespielt hätte. Wenn man berücksichtigt, dass der drei Jahre ältere Konrad Adenauer noch bis 1963 Bundeskanzler war, dann hätte sicher auch Dr. Hamm noch lange eine bedeutende politische Position inne gehabt.
Sein politischer Weggefährte Dr. Theodor Heuss hat die Witwe Maria Hamm zweimal in Reit im Winkl besucht. Dies unterstreicht die Wertschätzung des damaligen amtierenden Bundespräsidenten.
Mit der Enthüllung des Gedenksteines in Erinnerung an Dr. Eduard
Hamm setzt die Gemeinde Reit im Winkl ein sichtbares Zeichen, dass uns und unseren Nachkommen Mahnung sein soll, wozu totalitäre Regime fähig sein können.
Prof. Dr. Wolfgang Hardtwig, ein Enkel von Dr. Eduard Hamm, der heute auch unter unseren Gästen ist, hat sich in seinem Buch „Politische Kultur der Moderne“ ausführlich mit dem Thema des Denkmals beschäftigt. Er schreibt dazu:
Denkmale sind Gedächtniszeichen, die die Erinnerung an eine Person wachhalten sollen. Als denkmalwürdig werden daher immer Personen betrachtet, denen eine herausgehobene Bedeutung für die Gegenwart und - so wird unterstellt - für die Zukunft zukommt.
Und weiter schreibt er: Jedes Denkmal braucht ein bestimmtes Ambiente.
Über die Denkmalwürdigkeit von Dr. Eduard Hamm muss nicht diskutiert werden.
Ich bin mir auch sicher, dass wir mit diesem Platz an der Kronbichler Kapelle - mit den beiden Linden, dem Blick in die geliebten Berge - dem vom Gletscher geschliffenen Gedenkstein ein Ambiente gefunden haben, dass seiner herausgehobenen Bedeutung würdig ist.
So wie es Dr. Edurad Hamm am 22. Juni 1944 aufgrund der täglichen Lebensbedrohung in dieser Zeit in seinem Testament verfügt hat, steht als letzte Zeile in der Bronzetafel:
Gestorben nach einem Leben der Sorge für Staat und Familie
Dem ist nichts hinzuzufügen.
Vielen Dank.

 

Rede zum Download

Fotos von der Aufstellung bis zur Gedenkfeier

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fotos von der Aufstellung bis zur Gedenkfeier